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Frog Blog

2.10.05, 01:00 Uhr

Nuit Blanche

Heute ist "Nuit Blanche" in Paris. So nennt man auf Französisch eine durchgefeierte Nacht. Leider hab ich erst ganz kurzfristig davon erfahren, sodass ich mich nicht richtig vorbereiten konnte: Keinen Nachtbusfahrplan, kein Programm und am schlimmsten, keinen zum Mitkommen. Hab's kurzfristig versucht, aber Caro ist in Deutschland (ausgerechnet!), mein Onkel krank, meine Tante hat Besuch vom Vater ihres Kindes und meine Oma ist nicht so die Partymaus. Also bin ich kurzerhand alleine los. Ausgestiegen beim Forum des Halles und da war denn auch gleich schon eine riesige Installation in dem Park da mit Elektromucke vom DJ. Klang ziemlich gut, aber ich hatte ja keine Zeit. Also nach unten gefahren, da war ein kleiner Junge der in einem Lichtkäfig zu |: Ummpf Tschick :| abging. Ehrlich, keine Melodie, gar nicht. Der kleine war ganz gut, aber lange hab ich's da nicht ausgehalten. Also wieder nach oben und treiben lassen. Dieser Park, wenn man ihn so nennen kann, ist echt super von der Atmosphäre her. Es gibt da einen Platz mit Brunnen, der im Dunkeln unheimlich faszinierend wirkt. Da gab's ne Videoinstallation mit so nem Linseneffekt. Das Bild war glaub ich das der Leute dort, konnt ich aber nicht genau sehen. An einer anderen Ecke war eine Art längliches Zelt auf einem Gerüst. An den Wänden des Zelts waren irgendwelche Lichteffekte im innern zu erkennen. Im Gerüst darunter haben dann ein paar Jugendliche Theater gespielt. Mann, ich hab heute noch im IRC gesagt, dass ich mir ne Kamera anschaffen will, meinte aber zu Marcel, dass ich die Bilder ja nachliefern könne, die bisher gefehlt haben. Aber heute Abend wär ne Kamera echt mal ne Maßnahme gewesen. Naja Pech, müsst ihr leider mit meinen Beschreibungen vorlieb nehmen... und ich selbst auch beim Erinnern.

Hab mich danach treiben lassen, grob in Richtung Centre Pompidou. Die Leute gingen da teilweise schon ziemlich ab und yeeehaaten ohne erkennbaren Anlass auf der Straße rum. Ne zeitlang hab ich dann erstmal nichts mehr gesehen, bis irgendwann wieder Musik laut wurde. Ich dachte mir grade "Ah, da hinten scheint was abzugehen", als plötzlich vor mir eine der abgefahrensten Horden auf die Straße brach, die ich je gesehen habe: Halb rennend, halb hüpfend, zu selbstgemachten Samba-Rhythmen, johlend und pfeifend flossen sie einfach so durch die brechend volle Stadt und über Hindernisse einfach hinweg. Da war ein Bauzaun, aber den schien die Gruppe gar nicht wahrzunehmen. Wie ein Schwarm Wanderameisen überklettern sie die Baustelle einfach und hielten nur kurz inne, um auf dem Betonklotz in der Mitte zu tanzen. Dahinter kam ein riesiger Tross von Gefolge, die wohl von dem Spektakel ähnlich fasziniert waren wie ich. Die Stimmung, die sie um sich herum erzeugten, war auch der Wahnsinn. Die Leute fingen spontan zu klatschen an, wenn sie nicht einfach mitrannten. Ich bin dann aber weiter zum Centre Pompidou gegangen, wo die herkamen, was sich auch wiederum gelohnt hat. Am dortigen Brunnen war eine kleine Band, die Musik im Stile von Fanfare Ciocarlia (Danke an meine Mama an der Stelle, die mir damals ein Video mit denen gezeigt hat und auch jetzt wieder den Namen rausgesucht hat): Blechbläser, aber kein bisschen vergleichbar mit allem, was man sonst so mit diesen Instrumenten kennt. Weder spanisch, noch Polka, noch Jazz. Aber saugeil. Auch die waren umringt von Leuten und die Musik war ziemlich schnell (besser gesagt ziemlich schnell), aber ebbte immer langsam ab, bis sie fast gar nicht mehr zu hören war, um dann ganz plötzlich wieder aufzubranden. In dem Moment fingen die ganzen Leute dermaßen zu hüpfen an, dass der Steinboden vibrierte. Der völlige Wahnsinn. Die Leute da wussten wirklich, wie man Party macht. Und was für eine, die ganze Stadt war ja quasi eine einzige große Feier. Und wenn das Wetter hält und sich nichts geändert hat im Vergleich zu den letzten Jahren, dann machen die auch noch bis sieben Uhr morgens weiter. Apropos weiter, ich bin dann weiter zum Platz direkt vor dem Centre Pompidou (selbst wenn ich mit dem inzwischen eine so traumatische Erfahrung verknüpfe, siehe früheres Post). Da hatte sich auch eine Sambatrommelgruppe formiert, wo auch wieder Leute drumrum standen und feierten. Der Platz selber war aber ansonsten überraschend musikarm. Trotzdem voller Leute. Ich hab ihn dann überquert, wobei mir plötzlich aus der Menschenmenge auf dem Platz heraus eine Schlange offenbar wurde, wie ich sie da noch nicht gesehen habe. Der Platz ist ja ziemlich groß und eigentlich stehen unten immer ziemlich viele Menschen und warten. Heute aber haben sie den Platz einmal zweigeteilt, was ich schon ziemlich schockierend fand, aber als ich der Schlange mit den Augen über die komplette Breite des Platzes folgte, sah ich, dass sie am Rand einen Knick hatte und dann nochmal die halbe Länge des Platzes entlang lief, bis sie sich im Getümmel verlor. Grundgütiger, da muss irgendwas tolles gewesen sein heute im Centre Pompidou oder ich versteh die Welt nicht mehr. Dann klingelte auch leider schon mein Handywecker um mich daran zu erinnern, dass die Métros nicht mehr so lange fahren würden und ich machte mich auf den Rückweg. Dabei bin ich am Hôtel de Ville vorbei gekommen, wo sie auf einer riesigen Leinwand ein Videobild von der Métrostation zeigten, wobei die ganzen Menschen von farbigen Rechtecken verdeckt waren, die ein Computer da reinsetzte. Schade, dass man nicht gleichzeitig auf dem Video sein und das Ergebnis sehen konnte, aber das war wahrscheinlich Absicht, weil sonst die Leute nur rumgegammelt hätten oder gewunken hätten oder gehüpft wären oder so, aber nicht das typische Bewegungsmuster Pariser Geschäftigkeit gezeigt hätten. Ab und an hielt das Bild dann auch an und die Menschen wurden zu weißen Strichgebilden auf schwarzem Hintergrund und wurden dann zurückgespult. Bilderkennung für Kunstinstallationen einzusetzen, eine sehr schöne Idee. Vielleicht sieht man sowas demnächst auch mal von den Bielefelder Mediengestaltern?

Hab mir dann zum Abschluss noch ein weniger außergewöhnliches, aber darum nicht weniger schönes Schauspiel angeguckt, nämlich das stündliche Aufflimmern des Eiffelturms mit Myriaden von Blitzlichtern, die darauf verteilt sind. Hatte nämlich festgestellt, dass es kurz vor zwölf war und dass ich das schon seit dem Nationalfeiertag vor... äh... zwei Jahren? nicht mehr gesehen hatte. Hab mich also etwas an die Seine gestellt und die Szenerie genossen. Dabei wurde mir irgendwie nochmal so richtig gegenwärtig, wie wahnsinnig toll das ist, dass ich ein Jahr in so einer überwältigenden Stadt bin.

Habe mich dann auf den – Mangels halbwegs häufiger Busse ziemlich langen – Heimweg gemacht. War ein irrer Abend, ich finde nur etwas traurig, dass ich ihn nicht so richtig auskosten konnte. Ich hätte mich gerne zu den ganzen tanzenden Leuten gesellt, aber irgendwie war ich alleine nicht in der Stimmung dafür. Außerdem muss mich meinen Onkel noch dafür hauen, dass er mir geraten hat, einen Mantel anzuziehen, es wäre so kalt draußen und er hätte sich ja schon was gefangen. Pff, im Mantel hüpfen, das hätte ich keine halbe Minute gemacht ohne zu kollabieren =)

Naja, die Nuit Blanche ist jährlich, also nächstes Jahr Ende September, Anfang Oktober wieder. Ich sag hier bescheid, sobald ich weiß, wann. Auf jeden Fall in den Semesterferien ;) Haltet euch schonmal euren Terminkalender frei!

PS: Ich hab denn doch noch wenigstens von ein paar Sachen Fotos gefunden.

1 Comments:

  • Wuih, das klingt aber toll!
    Ich bin dann nächstes Jahr mit dabei ;-))

    By Anonymous melanie, at 9/10/05 23:54  

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