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Frog Blog

6.1.06, 21:42 Uhr

Literaturkritik II

Ich weiß, ich weiß: Ihr brennt sicher alle darauf, zu erfahren, was ich so zu Weihnachten bekommen habe, wie ich Silvester verbracht habe, wie das Stufentreffen war, wie es nun tatsächlich war, wieder in Deutschland zu wandeln und so weiter und so fort – ich muss euch noch vertrösten. Ich bin irgendwie auch heute noch ziemlich müde (wenn ich ein Fan schlechter, ausgelutschter Witze wäre, würde ich das jetzt auf den Jet Lag schieben) und aus aktuellem Anlass will ich erstmal wieder einen kleinen Literaturkritik-Artikel schreiben. Ich habe nämlich – und da treffen sich immerhin Erwartung und Angebot – zu Weihnachten ein Buch geschenkt bekommen, das ich heute fertig gelesen habe: „Rückkehr von den Sternen” von Stanisław Lem. Außerdem habe ich während der „Weihnachtsferien” den ersten Band von „Otherland” von Tad Williams fertig gekriegt und „Alice im Wunderland” eingeatmet. (Wenn ihr übrigens das Foto genau betrachtet, könnt ihr noch ein weiteres Weihnachtsgeschenk bereits vorab entdecken :)

Letztere Geschichte habe ich endlich mal gelesen, nachdem es mich genervt hat, dass sich in ungefähr jedem zweiten englischen Text eine Anspielung darauf findet und ich nur den blöden Film gesehen habe. Ich habe aber anscheinend eine Kurzfassung dieses ohnehin kurzen Textes erwischt! Die hätte bequem auf zehn Seiten Platz gefunden. Und wenn man manche Sätze liest, fühlt man sich etwas veralbert:


She was falling slowly, so she had time to look around and see all sorts of interesting things along the way.


Nein, da kommt nicht noch was nach, das war bereits die Beschreibung des angesprochenen Falls. In verschiedenen Internetquellen findet sich hingegen stattdessen das hier:


Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next. First, she tried to look down and make out what she was coming to, but it was too dark to see anything; then she looked at the sides of the well, and noticed that they were filled with cupboards and book-shelves; here and there she saw maps and pictures hung upon pegs. She took down a jar from one of the shelves as she passed; it was labelled `ORANGE MARMALADE', but to her great disappointment it was empty: she did not like to drop the jar for fear of killing somebody, so managed to put it into one of the cupboards as she fell past it.


Naja, die Kurzform des Titels, der eigentlich „Alice's Adventures in Wonderland” und nicht „Alice in Wonderland” heißt, hätte mich schon stutzig machen können... wenn ich das nur gewusst hätte. Naja, dann muss ich das Buch halt nochmal lesen, bei Wikisource oder so. Irgendwann. So gut fand ich es nämlich nicht und ich glaube kaum, dass das allein an den Kürzungen lag. Ich stehe einfach nicht darauf, dass man sich als Leser kein bisschen orientieren kann, weil man nicht nur mit den Regeln, die man gewohnt ist, nichts anfangen kann, sondern das Buch auch selbst kein schlüssiges Regelsystem aufstellt, wie es zum Beispiel bei „vernünftiger” Science-Fiction- oder Fantasy-Literatur der Fall ist. Ich komme mir dann immer ein bisschen vor wie in der Klapsmühle. Ich will nicht kleinreden, dass Lewis Carroll dabei jede Menge interessanter Konzepte entwickelt, aber geht das nicht auch ohne dieses LSD-Feeling? Verstärkt wird das noch dadurch, dass jede Episode nur kurz angerissen wird und jeglichen Sinn entbehrt. Zurück bleiben ein wachsender Berg von Elementen der Geschichte, die darin keinen Zweck erfüllen.

In die Klapsmühlenecke geht auch meine Kritik an „Rückkehr von den Sternen”. Eigentlich ein tolles Buch: Spannend, tiefgehend, die visionären Fähigkeiten von Lem sind phantastisch, die Beschreibung von Technik und Gesellschaft selten fesselnd... Aber die Dialoge! Gerade gegen Ende des Buches wird es sehr, sehr zäh. Nur ein kleines Beispiel (und nichts, was ihr nicht versteht, liegt am mangelnden Kontext, glaubt mir):


» [...] Dies hat aber mit dir und mir nichts zu tun. Oder eigentlich schon: denn wir sind ja zusammen. Anders – wären wir es nicht, niemals. Sie ist für mich – du. Daher möchte ich so sehr... aber du mußt nicht. Wenn es so ist, wie du sagst. Wenn du es so empfindest. `«
» Ich werde sprechen. «
» Aber nicht heute. «
» Heute. «
» Lege dich bitte hin. «


Frau Osthoff, sind Sie's?

Wobei mir bei Lem schon öfters aufgefallen ist, dass sich die Personen irgendwie gerne mal völlig unberechenbar verhalten. Vor allem, wenn es darum geht, plötzlich aggressiv zu werden.

Und schließlich hat mich bei meiner Ausgabe des Buches die sakrale Optik des Einbandes gestört. Ich kann nicht den geringsten Zusammenhang zu Engeln erkennen. Aber mit all dem will ich wie eingangs dargelegt keinesfalls sagen, dass ich das Buch nicht mochte. Ich hatte es in jeder freien Minute in den Fingern :)

Schließlich habe ich wie gesagt den ersten Otherland-Wälzer gelesen und ich will auf alle Fälle weitermachen, nur wann ich dazu komme, ist mir noch nicht so ganz klar. Ich hatte ja wenigstens auf ein halbwegs passables Ende gehofft, aber die Geschichte ist wohl einfach nur deshalb in mehrere Bücher aufgeteilt, weil es sonst kein Mensch mehr greifen könnte.

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