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Frog Blog

17.7.06, 19:40 Uhr

Das Ende der WM

Nach dem Halbfinale feiernde Leute im Prinzenparkstadion in Paris.Ich weiß nicht, ob man in Deutschland das Thema WM noch hören kann, aber da ich nach dem Spiel Frankreich–Brasilien abrupt die Berichterstattung abgebrochen habe, fehlen nun ja noch die wichtigen Spiele Frankreich–Portugal, Deutschland–Italien, Deutschland–Portugal und Frankreich–Italien. Die Niederlage Deutschlands habe ich vor dem heimischen Fernseher verfolgt, sodass ich da wenig zu erzählen brauche. Für das erfolgreichere Halbfinale Frankreichs wurde das zweitgrößte Stadion von Paris geöffnet, der Parc des Princes. Allerdings wurde der nur ungefähr zur Hälfte voll, sodass es rein optisch kein Vergleich mit dem Stade Charléty war. Die Atmosphäre war allerdings trotzdem gigantisch. Und es waren gleich drei Bildschirme aufgebaut. Allerdings war alles voller Sicherheitsleute, man durfte nicht auf den Rasen und es gab Eintrittskarten, die einem sagten, in welchen Teil der Tribüne man gehörte. Alles etwas weniger entspannt als im Stade Charléty und das obwohl man Flaschenverschlüsse mit reinbringen durfte. Oh, kleines Detail am Rande: Als am Ende Villepin sich zum Spiel geäußert hat, hat man deutlich gemerkt, dass er immer noch nicht sehr beliebt ist vor allem bei der jüngeren Bevölkerung ;)

Direkt nach dem Spiel habe ich mich auf den Weg zur Feier auf den Champs-Élysées gemacht. Die Métrostationen in unmittelbarer Nähe des Stadions waren gesperrt, also musste ich einige Zeit laufen, um dann in eine brechend volle Métro zu steigen, nicht ohne vorher bemerkt zu haben, dass sogar die Anzeigemonitore in der Station nur ein „Allez les bleus” auf blauem Grund zeigten anstelle von Statusmeldungen zum Métroverkehr. Dass es so voll war machte aber ausnahmsweise einmal nichts, weil die feiernde Masse von Menschen hüpfend und grölend die ganze Métro zum Wippen gebracht hat und sogar diejenigen, die sichtlich wenig von der Fußballeuphorie hielten, konnten nicht umhin, das ganze ebenso sichtlich irgendwo doch gut zu finden. Schön waren auch die Gesichter der Leute, die die vollgepackte Partymétro in ihrer Station haben einfahren sehen und sich entscheiden mussten, ob sie sich da noch reinquetschen wollten. Die einzigen, die schlecht gelaunt waren, war eine Familie englischsprachiger Touristen, die wohl einfach ihr Kind ins Bett kriegen wollten und keinen Bock auf Party hatten. Haben dann die Leute an der Tür angepampt anstatt landesüblich einfach so lange zu schieben, bis man einsteigen kann.

Photomontage einer Aufnahme des Triumphbogens mit Feuerwerk im Hintergrund und eines seperat aufgenommenen Feuerwerkskörpers von derselben Feier auf den Champs-Élysées im „Vordergrund”. Ich war es leid, an einer Laterne gelehnt und um meine Kamera fürchtend (viel Volk unterwegs und sicher nicht alle mit großem Respekt vor der gesellschaftlichen Konvention des Privateigentums) zu warten, bis eine Rakete rechts oben explodieren würde, wo ich sie für die Komposition brauchte.Ich bin dann unter dem Place de l'Étoile ausgestiegen, wo sich ein paar andere schlecht gelaunte Leute daran machten, einander zu verprügeln. Einen Bogen zu machen erschien mir eine gute Idee und so kam ich wohlbehalten auf die auf ihren ganzen 2 km Länge mit Menschen überschwemmte Prachtstraße, wo unablässig Raketen abgeschossen und die typischen roten Leuchtfackeln geschwungen wurden.

Ich habe mich dann rechtzeitig vom Acker gemacht (no pun intended), um noch eine der letzten Métros zu kriegen und nicht in Auseinandersetzungen mit der Polizei zu geraten, die ungefähr eine Stunde später anfingen.

Feuerwerk aus Prinzip im Hintergrund, lange Gesichter im Vordergrund. Aber es waren auch Stimmen wie „War doch trotzdem ein netter Abend” zu hören, so richtig schlecht hat es niemand aufgenommen, den ich gesehen habe. Nur eben die Leute, die schon auf die Gelegenheit gewartet haben, um Ärger zu machen.Das Spiel um den dritten Platz habe ich dann wieder im Stade Charléty geguckt, das Finale wollte ich wieder im Parc des Princes gucken, nachdem feststand, dass das neuere und fast doppelt so große Stade de France nicht aufgemacht würde. Blöderweise war ich zu spät dran, habe von den beiden einzigen Tore vor dem Elfmeterschießen von in den sich erst nach einer Viertelstunde zur Haltestelle bequemenden Bus zusteigenden Fahrgästen erfahren und stand dann auch noch vor verschlossenen Toren im anscheinend diesmal randvollen Prinzenparkstadion. Spitzenklasse. Zum Glück war gleich nebenan direkt das nächste (und damit dritte und letzte) Stadion mit Gruppengucken.

Paris aime les bleus - Paris mag die Blauen. Auch im Parc des Princes hat sich das Rathaus, das die Veranstaltung finanziert hat, gut in Szene gesetzt und zum textlich fragwürdigen aber stimmungsmäßig bombastischen „I will survive” einen „Die Stadt Paris heißt Sie willkommen im Parc des Princes”-Schriftzug mit Logo eingeblendet, nachdem in einem kurzen Film die Erfolgsgeschichte von Zinédine Zidane gefeiert wurde. RTL ist auf den Zug aufgesprungen und ließ nach der WM überall optisch an das hier abgebildete Plakat angelehnte Anzeigen aufhängen, die sich einfach nur „Merci” lesen.Das Stadion hieß Jean Bouin und war etwas kleiner als das Stade Charléty und vom Publikum her unangenehmer. Alkohol und Flaschenverschlüsse waren auch hier verboten, dafür durfte man wieder auf den Rasen. Allerdings war es schwierig ein paar Vollpflaumen weiter vorne klarzumachen, dass es eine in hohem Maße asoziale Idee ist, während der besonders spannenden Stellen im Spiel vor lauter Aufregung aufzuspringen, sodass ich eine Reihe Torchancen nur als „ooooOOOOH... aaaah” hörte und nicht selber gesehen habe. Irgendwann hatten sie es dann begriffen, dafür fing ein völlig Zugedröhnter hinter mir an, in sein wahrscheinlich nur ein Freizeichen von sich gebendes Handy zu tiradieren: „Ich ficke deine Mutter du Hurensohn! Ja, Zizou ist der Beste, ich ficke dich, komm doch her! Deine Mutter ist eine Hure, ich ficke die gleich. Du bist ein Hurensohn und ich ficke deinen Arsch! Jaja, komm her, nach dem Spiel ficke ich deine Mutter!” Keine Ahnung, eine Viertelstunde lang mindestens. Das ging einem ziemlich schnell gehörig auf die Nüsse, zumal er wie schon zu erahnen nicht gerade kreativ war was seine Beleidigungen anging und mir ab und an seine unkoordinierten Gliedmaßen in den Rücken bohrte. Zur Verlängerung hin hab ich mich deswegen aus dem Staub gemacht und einen Platz auf der Tribüne ergattert, nachdem ich vorher noch die komplett unbeleuchtete Herrentoilette aufgesucht hatte, wo Leute verzweifelt im Stockfinstern mit Handys und Feuerzeugen die Pissoirs gesucht haben.

Kapuze auf dem Kopf mitten im Sommer? Eher kein Fall von Schüttelfrost.Nach der Aufregung um Zidanes Kopfstoß und dem nicht sehr aufheiternden Ende des Spiels verdrückten sich dann alle aus dem Stadion und ein paar Leute fingen schon an, sich Tücher ums Gesicht zu binden, Kapuzen aufzusetzen und oben genannte Leuchtfackeln anzuzünden. Gut dass die keine Flaschenverschlüsse hatten, du. Auch auf dem Weg zur Métro waren ein paar Typen, die hasserfüllt Zerbrechlichen gegen Hauswände gepfeffert haben und ein anderer hat einen Sonnenschirm von einer Imbissbude mitgehen lassen. Und auch wenn auf den Champs-Élysées wohl trotzdem etwas gefeiert wurde, hab ich mich lieber nach Hause gemacht und die nächsten Tage die Diskussion um Zizous Motive verfolgt. Erst haben ihm viele aus Frust die Schuld am verlorenen Finale gegeben, aber inzwischen ist gemeinhin Konsens, dass Materazzi die Hauptsau ist, Zizou einen tragischen Aussetzer hatte und trotzdem der Held der Nation sein darf.

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