Das Ende der WM
Direkt nach dem Spiel habe ich mich auf den Weg zur Feier auf den Champs-Élysées gemacht. Die Métrostationen in unmittelbarer Nähe des Stadions waren gesperrt, also musste ich einige Zeit laufen, um dann in eine brechend volle Métro zu steigen, nicht ohne vorher bemerkt zu haben, dass sogar die Anzeigemonitore in der Station nur ein „Allez les bleus” auf blauem Grund zeigten anstelle von Statusmeldungen zum Métroverkehr. Dass es so voll war machte aber ausnahmsweise einmal nichts, weil die feiernde Masse von Menschen hüpfend und grölend die ganze Métro zum Wippen gebracht hat und sogar diejenigen, die sichtlich wenig von der Fußballeuphorie hielten, konnten nicht umhin, das ganze ebenso sichtlich irgendwo doch gut zu finden. Schön waren auch die Gesichter der Leute, die die vollgepackte Partymétro in ihrer Station haben einfahren sehen und sich entscheiden mussten, ob sie sich da noch reinquetschen wollten. Die einzigen, die schlecht gelaunt waren, war eine Familie englischsprachiger Touristen, die wohl einfach ihr Kind ins Bett kriegen wollten und keinen Bock auf Party hatten. Haben dann die Leute an der Tür angepampt anstatt landesüblich einfach so lange zu schieben, bis man einsteigen kann.
Ich habe mich dann rechtzeitig vom Acker gemacht (no pun intended), um noch eine der letzten Métros zu kriegen und nicht in Auseinandersetzungen mit der Polizei zu geraten, die ungefähr eine Stunde später anfingen.
Das Stadion hieß Jean Bouin und war etwas kleiner als das Stade Charléty und vom Publikum her unangenehmer. Alkohol und Flaschenverschlüsse waren auch hier verboten, dafür durfte man wieder auf den Rasen. Allerdings war es schwierig ein paar Vollpflaumen weiter vorne klarzumachen, dass es eine in hohem Maße asoziale Idee ist, während der besonders spannenden Stellen im Spiel vor lauter Aufregung aufzuspringen, sodass ich eine Reihe Torchancen nur als „ooooOOOOH... aaaah” hörte und nicht selber gesehen habe. Irgendwann hatten sie es dann begriffen, dafür fing ein völlig Zugedröhnter hinter mir an, in sein wahrscheinlich nur ein Freizeichen von sich gebendes Handy zu tiradieren: „Ich ficke deine Mutter du Hurensohn! Ja, Zizou ist der Beste, ich ficke dich, komm doch her! Deine Mutter ist eine Hure, ich ficke die gleich. Du bist ein Hurensohn und ich ficke deinen Arsch! Jaja, komm her, nach dem Spiel ficke ich deine Mutter!” Keine Ahnung, eine Viertelstunde lang mindestens. Das ging einem ziemlich schnell gehörig auf die Nüsse, zumal er wie schon zu erahnen nicht gerade kreativ war was seine Beleidigungen anging und mir ab und an seine unkoordinierten Gliedmaßen in den Rücken bohrte. Zur Verlängerung hin hab ich mich deswegen aus dem Staub gemacht und einen Platz auf der Tribüne ergattert, nachdem ich vorher noch die komplett unbeleuchtete Herrentoilette aufgesucht hatte, wo Leute verzweifelt im Stockfinstern mit Handys und Feuerzeugen die Pissoirs gesucht haben.
Nach der Aufregung um Zidanes Kopfstoß und dem nicht sehr aufheiternden Ende des Spiels verdrückten sich dann alle aus dem Stadion und ein paar Leute fingen schon an, sich Tücher ums Gesicht zu binden, Kapuzen aufzusetzen und oben genannte Leuchtfackeln anzuzünden. Gut dass die keine Flaschenverschlüsse hatten, du. Auch auf dem Weg zur Métro waren ein paar Typen, die hasserfüllt Zerbrechlichen gegen Hauswände gepfeffert haben und ein anderer hat einen Sonnenschirm von einer Imbissbude mitgehen lassen. Und auch wenn auf den Champs-Élysées wohl trotzdem etwas gefeiert wurde, hab ich mich lieber nach Hause gemacht und die nächsten Tage die Diskussion um Zizous Motive verfolgt. Erst haben ihm viele aus Frust die Schuld am verlorenen Finale gegeben, aber inzwischen ist gemeinhin Konsens, dass Materazzi die Hauptsau ist, Zizou einen tragischen Aussetzer hatte und trotzdem der Held der Nation sein darf.
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