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Frog Blog

11.3.06, 14:04 Uhr

Das Dogma in der S-Bahn

Ich habe ja schon seit langem gerätselt, warum niemand daran gedacht zu haben scheint, dass man seine Métrotickets auch im Zug abstempeln können will. Jetzt wurde ich aufgeklärt. Aber fange ich doch vorne an (Das war grade ein Imperativ 1. Person Singular. Sowas macht im Grunde überhaupt keinen Sinn...): Ich fahre gestern also mal wieder meine komplizierte Strecke von Orsay nach Paris, wobei ich ja über die Zonengrenze 4/5 muss (zur Erinnerung, meine Carte ImagineR gilt nur für die Zonen 1-4). Naja, eigentlich ist dieser Weg im Gegensatz zum Hinweg nach Orsay nicht kompliziert, weil ich in Orsay ein Ticket abstemplen kann (ticket ist das Wort für Einzelfahrschein und keineswegs synonym mit billet, welches für Fahrschein allgemein steht.) und dann ja zwei Stationen später eh im Trockenen bin, zonentechnisch gesehen. Gestern also werd ich dann irgendwo hinter diesem letzten Außenposten der Zone 4 kontrolliert, zeige entsprechend meine Carte ImagineR, die Frau hält die an ihren Kartenleseapparat und meint „Jau, is ok... ABER... Sie müssen die Karte schon validieren.” „Ah? Wieso denn das?” frag ich misstrauisch und erhalte eine meiner Top-3-Lieblingsantworten: „Weil das Vorschrift ist.” So verstehen Leute die Welt, die von 12 bis Mittag denken. Und anstatt etwas Abstraktes über Datensammlung und Privatsphäre, die vor die Hunde geht, zu erzählen, versuche ich lieber, durch eine Schilderung meiner persönlichen Lage Verständnis dafür zu wecken, dass ich diese Karte nicht mal validieren könnte, wenn ich Lust dazu hätte: „Sehen Sie, ich komme aus Orsay und kann meine Carte ImagineR gar nicht validieren, wenn ich nicht aus dem Zug steige in Lozère.” „Ja.” „Also soll ich aussteigen und dann eine Viertelstunde, zwanzig Minuten auf den nächsten Zug warten. Im Winter.” „Ja.”

Und während ich sie noch fassungslos anstarre, um nach Worten zu suchen, die meinem Grausen Ausdruck verleihen könnten (ich habe sie bis heute nicht gefunden) und sich immer mehr Kontrolleure des Teams um uns gruppieren, als sei ich ein Schwerverbrecher, meint der sympathische Mann, der mich das letzte Mal kontrolliert (und nicht gemeckert) hat: „Wenn ich mir erlauben darf, mich einzumischen: Streng genommen ist es Ihnen gar nicht erlaubt, eine Strecke auf mehrere Fahrkarten aufzuteilen. Sie müssen immer eine Fahrkarte für den ganzen Weg lösen. Ich persönlich finde das nicht logisch, aber wenn man es streng nach Vorschrift sieht, ist es nunmal so.” Ok, alles klar. Das ist doch mal ne Aussage, mit der ich leben kann. Es heißt immer noch, dass die Leute bei der RATP den Schuss nicht gehört haben, aber es erklärt die ganzen Seltsamkeiten.

Blöd für mich: Selbst wenn ich jetzt auf Einzelfahrkarten verzichte und die Carte ImagineR der Zonen 1-4 mit einer Carte Orange für die Zonen 4-5 ergänze, muss ich theoretisch in beiden Richtungen aus dem Zug aussteigen, einmal davon auch noch sprinten, um meine Karte zu validieren oder auf den nächsten Zug warten. Und außerdem legt dieses Erlebnis nahe, dass ein festes Kontrollteam auf einer bestimmten Strecke operiert. Und die kennen mich jetzt. Also ist fortan sogar das Reisen mit einer nicht-validierten Carte ImagineR ein Risiko. Fick die Henne.

Aber für den Moment haben sie mich noch in Frieden gelassen und ich bin heile bei Les Halles angekommen. Apropos, das H in „Les Halles” ist ein sogenanntes H aspiré. Wie diese ansonsten eher eklige Seite so schön zusammenfasst: „There are two different kinds of H's in French, and neither one is pronounced.” H aspiré heißt einfach nur, dass man nicht überbindet. Man sagt zu „Les Halles” eben nicht *[lezal] sondern [leal]. Und damit komm ich nicht klar. Es ist eine Sache, sowas zu wissen, eine andere, tatsächlich das S nicht überzubinden. Jetzt kann man natürlich sagen, dass es doch toll ist, dass ich immerhin schonmal das Überbinden so automatisch mache. Andererseits ist falsch halt falsch.

Aber: Was mich unheimlich beruhigt hat komischerweise, ist, dass kleine französische Kinder das auch nicht auf die Reihe kriegen. Ich habe gestern schon das zweite Kind in der Métro gehört, das von *[lezal] gesprochen hat. Das eine Mal hat die Mama nix gesagt, gestern aber meinte die Mutter so „Wo halten wir?” „*[lezal]” „Wie heißt das?!” „.... *kleinlaut* [leal]” Das arme Kind, hoffentlich zieht mir nicht mal jemand die Ohren lang, wenn mir das mal wieder rausrutscht. Na jedenfalls bin ich mit dem Problem nicht allein, anscheinend gibt es genug francophone Kinder, die das auch erst noch lernen müssen. Und dabei waren die nicht mehr so ganz furchtbar klein.

Jedenfalls war ich dann bei [leal], um ins Kino zu gehen. Ich bin euch noch vier Filme schuldig, das lager ich in einen anderen Artikel aus. Die Kurzfassung ist: Geht in Kaltes Land! Geht auch in Syriana und Walk the Line. Geht nicht in The New World, wenn ihr nicht extrem langatmigkeits- und erzählarmutsrestistent seid. Jedenfalls hab ich da dann auch die erste Anti-CPE-Demo live gesehen. Nein, eigentlich nur gehört, aber das deutlich. Und es war die erste unterirdische Demo, die ich überhaupt miterlebt habe!

Und als der Bielefelder Florian mich heute darauf angesprochen hat, dass es ja Proteste in der Sorbonne gegeben habe, da wurde mir auch klar: Über die ganze CPE-Geschichte hört man in Deutschland anscheinend so gut wie nichts. Na klar, brennen ja auch keine Autos. Scheißmedien. Also die Sache ist die, dass Jugendliche bald die ersten zwei Jahre eines neuen Jobs von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden können sollen und das ohne jede Angabe von Gründen. Und das, wo die letzte Lockerung des Kündigungsschutzes in Frankreich gegen das Steigen der Arbeitslosenquote genau nichts geholfen hat. Naja, jedenfalls hagelt es seitdem Demonstrationen, Dienstag waren zwischen 400.000 und 1 Million Menschen auf der Straße (je nachdem, wem man glaubt, auf alle Fälle eine beachtliche Zahl), 25 der 88 Unis in Frankreich werden offiziell bestreikt und letzte Nacht wurde die Sorbonne von der Polizei gestürmt. Den letzten Nachrichten über die Stimmung unter den Studenten zufolge gibt es jetzt richtig Ärger. Hier ist das ganze jedenfalls ein Riesenthema, kein Vergleich mit so Kinderkram wie der licence globale und auch Hühnergrippe und Moskitoplage werden arg in den Hintergrund gedrängt (naja, wo die Moskitos ja eh schon waren). Ganz ehrlich, für mich ist das nur ein weiterer Meilenstein im Wettlauf um den Abriss der europäischen Sozialsysteme. Wer ist schneller wieder im 19. Jahrhundert? Das tragische daran ist ja, dass Europa ziemlich egal sein könnte wohin der Rest der Welt rennt, wenn sie sich nur darauf einigen könnten, wieder in die entgegengesetzte Richtung zu rennen. Aber selbst das ist momentan wohl nicht in Aussicht.

2 Comments:

  • Also die Sache ist die, dass Jugendliche bald die ersten zwei Jahre eines neuen Jobs von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden können sollen und das ohne jede Angabe von Gründen.
    In Deutschland nennt sich das verlängerte Probezeit und ist dank CDU jetzt auch von der großen Koalition abgesegnet. Allerdings trifft es in D nicht nur die jüngeren, sondern alle. Hilft aber ganz doll gegen Arbeitslosigkeit, Globalisierung, schlechtes Wetter und Akne. Sagt zumindest der kleine Guido von der FDP. Und der Sauerlandrocker Merz findet das auch toll. Wesentlich toller jedenfalls als die Idee, dass er bald angeben muss, welche Nebentätigkeiten er noch hat (ausser den zehn Bekannten, die schon in der Zeit stehen).

    Kurz gesagt: Auch wenn die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass manche Komnzepte einfach nicht funktionieren, so ist zumindest die Ignoranz dieser Tatsache mittlerweile global verbreitet.

    By Anonymous jan, at 12/3/06 05:21  

  • Na toll und warum werden in Deutschland keine Feuerlöscher auf Polizisten geschmissen? Naja gut, Proteste und Streiks tätens ja auch. Haben sich die ganzen Hartz-IV-Demonstranten schon alle die Kugel gegeben (wenn sie sich sie leisten konnten)? Oder arbeitet das deutsche Volk wieder an seinem Image als gleichgültige, obrigkeitshörige Sozialmuffel? Oder schlimmer noch, glauben sie den Christiansenkack, dass man nur das Sozialsystem abschaffen muss, damit es allen besser geht?

    By Blogger mudd1, at 12/3/06 11:16  

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