.comment-link {margin-left:.6em;}

Frog Blog

28.3.06, 21:18 Uhr

Generell Streik – La Manif II

Heute war in Frankreich ein Generalstreik angesetzt und Demos sollte es auch wieder im richtig großen Maßstab geben. Was soll ich sagen, es hat geklappt! Ich wollte mir das nicht entgehen lassen und das Tolle war, dass Florian diesmal auch mitkommen wollte. Jetzt ist allerdings Demo und Generalstreik eine eigentlich eher ungünstige Kombination, da man zu so einer Demo ja erstmal hinkommen muss. Und wenn die Verkehrsbetriebe streiken... Wir haben uns jedenfalls bei Châtelet - Les Halles verabredet, weil wir uns da noch Chancen ausgerechnet haben, uns auch zu finden. Normalerweise brauche ich so ne halbe Stunde bis da hin, heute war es mit 40 Minuten sogar noch human mehr. Florian musste zwar auch etwas warten, kam aber auch noch fast pünktlich.

Hier fährt die Métro direkt an der Demo vorbei. Ein nettes Bild von beiden Seiten.
Leider war es das dann auch schon mit dem Ausbleiben von Komplikationen. Wir wollten dann in die 7 umsteigen, die uns auf direktem Wege zum Place d'Italie gebracht hätte, wo die Demo losgehen sollte. Den Gedanken hatten aber wohl noch ein paar mehr Leute. Schon mehrere Biegungen vor dem Bahnsteig ging erstmal gar nichts mehr. Nachdem es dann ein paar Leuten zu blöd wurde, kamen wir immerhin mit viel Quetschen bis auf den Bahnsteig, bei dem man Angst hatte, dass Leute von ihm runter auf die Gleise geschubst werden könnten. Vor uns dampften nach längerer Zeit dann ein paar Jugendliche ab mit den Worten „Hier kommt schon seit zwei Stunden keine Métro mehr, nehmt die 11 und dann die 5!” Das mit den zwei Stunden war zwar eher symbolisch gemeint, aber so wirklich kurz haben selbst wir nicht gewartet. Als wir grade gehen wollten, um die 11 und dann die 5 zu nehmen, kam endlich eine Métro. Leider war die schon am Platzen, als sie in die Station einrollte. Ein paar Leute haben dann „Eine Socke geht immer noch rein” praktiziert, aber wir haben uns lieber zur 11 aufgemacht, um dann in die andere Richtung zu fahren und am Zielort der Demo „République” in die 5 zu steigen und der Demo entgegen zum Place d'Italie zu juckeln.

Dieser Bahnsteig ist nicht voll, der sieht nur so aus. Voll war der, wo ich nicht von mittendrin ein Foto machen konnte, weil ich da nicht hin kam.Guter Plan, solange wir von der Demo weg fuhren. Aber in République in die 5 zu steigen war dann schon wieder ein ziemlicher Akt. Immerhin sind wir diesmal richtig und ohne Probleme auf den Bahnsteig gekommen (wo ich gleich beim Ankommen schon welche hab spekulieren hören, ob es klug wäre, mit der 5 in die andere Richtung zu fahren, um weiter stromaufwärts einzusteigen). Die Métro kam auch relativ schnell, allerdings mussten wir die fahren lassen, kamen aber immerhin halbwegs nach vorne. Also wir wollten sie fahren lassen, aber die Leute, die in den Türen standen, wollten das wohl nicht. Und dabei standen schon Leute auf den Sitzen in der Métro, damit mehr Platz war. Ständig gingen Sicherheitsleute am Zug entlang und leerten ihn so, dass die Türen wenigstens zu gingen und ein Lebensmüder musste sogar zwischen den Waggons weggeholt werden. Mann, der wollte vielleicht mit! Nach ewigen Zeiten fuhr das Ding dann auch mal los und versprach Spaß für unsere Fahrt.

Die von innen beschlagene Scheibe dieser Métrotür sagt eigentlich alles.In die nächste Métro, die dann irgendwann kam, haben wir uns dann auch mit Ach und Krach reingequetscht und hinter uns noch etliche andere mit noch mehr Ach und noch viel mehr Krach. Wir standen dann auch ewig rum und die Türen gingen nicht zu und es wurde langsam warm. Als wir endlich losfuhren, währte die Freude darüber nicht lange, genauer gesagt nur bis zur nächsten von neun vor uns liegenden Stationen. Da war es zwar mangels Umsteigemöglichkeiten lange nicht so voll, was aber nicht gleich hieß, dass es schneller weiter ging. Das einzige, was ein beachtliches Tempo drauf hatte, war die Quecksilbersäule. So ging es dann ewig weiter und es wurde in der Regel immer nur noch enger. Ich weiß, so schlimm kann es noch nicht gewesen sein, weil man nicht stehen konnte, ohne die Beine am Boden zu halten, aber ich hatte trotzdem ein bisschen Angst um die drei kleinen Mädels vor uns, die jeweils nur irgendwie halb so groß waren wie meinereiner. Die eine hatte übrigens erstaunliche Ähnlichkeit mit Emma Watson, aber ich war nicht in der Stimmung, darüber einen Dialog anzufangen. Die ewige und unkomfortable Wartezeit wurde einmal auch durch einen ziemlich ruppigen Polizeieinsatz auf dem Bahnsteig verkürzt und ab und an haben auch métrointerne Co-Gedünstete angefangen, lustige Sachen zu skandieren („Was machen wir 2007?” „Wir wählen!”). Wenige Stationen vor dem Ziel wurde es dann schlagartig leerer, weil wir direkt an der Demo vorbeigefahren sind und daraufhin einige entschieden, abzukürzen. Als wir über die Seine gefahren sind, hat man den Demonstrationszüg übrigens besonders schön gesehen, nämlich über die komplette Länge der Nachbarbrücke. Jedenfalls konnten wir so wenigstens ein paar Stationen lang dann wieder atmen.

Überall große Ballons von Gewerkschaften, Parteien und sonstigen Leuten, die sich präsentieren wollten. Wir sind, um die Demo zu finden, sogar einem Regenschirm des Saturnäquivalents Fnac gefolgt, aber die Werbung war vermutlich eher nicht beabsichtigt.Bei der letzten Demo war ich ja etwas enttäuscht, was das Panorama beim Verlassen der Métrostation anging. Diesmal war eher das Gegenteil der Fall. Der ganze Place d'Italie war ein einziges großes Volksfest, mit Musik, Ballons, Verkleideten und ich fragte im Scherz, wo es denn nun die Zuckerwatte gäbe, als wir juste in dem Moment einem Dönerstand über den Weg liefen. Die Musik war übrigens bis auf einen Wagen nicht so sozialistisch geprägt wie bei der letzten Demo. Da gab es ja nur einen Wagen und der spielte, was wie Arbeiterlieder klang. Hier war die Musik zum Teil richtig cool und Hot Butter politische Motive zu unterstellen, wäre wohl weit hergeholt. Aber ein Wagen hat, wenn mich nicht alles täuscht, auch die Internationale gespielt und sowas hätte ich glaub ich bei Abwesenheit auch wieder vermisst.

Wir sind dann jedenfalls erstmal anderthalbmal um den recht ausgedehnten und vollgestopften Quark geeiert, bis wir die Straße gefunden haben, wo der Demonstrationszug losging. Florian war aber irgendwie nicht wohl dabei, im Zug mitzumarschieren und außerdem ging das quasi gar nicht voran, sodass wir dann am Rand vorbeigestapft sind.

Demonstranten soweit das Auge reicht wird der tatsächlichen Zahl leider nicht einmal ansatzweise gerecht.Das Problem ist, dass man in Bildern nicht den Unterschied zwischen den 10.000 Demonstranten vom letzten Mal und den 700.000 von diesem festhalten kann (Luftaufnahmen sind in Paris verboten und nen Heli zu mieten übersteigen eh meine Möglichkeiten). In Zahlen kann man es erst recht nicht verdeutlichen und eigentlich begreift man es nichtmal, wenn man wie wir an dieser riesigen Menschenmenge vorbeigelaufen ist. Frankreichweit waren heute ungefähr 3 Millionen Menschen auf der Straße. Das sind 5% der Gesamtbevölkerung! Villepin dürfte nicht gut schlafen. Nochmal vergleichsweise die Zahl der Demonstranten in Deutschland: 0. Das sind unter Berücksichtigung der größeren Bevölkerungszahl: 0%. Merkel, Schäuble und Müntefering dürften ganz ausgezeichnet schlummern mit so einem sozialabbaugeilen Volk im Rücken.

Kapuzensweatshirt und zielstrebiges Gehen in einer großen Gruppe: Das kann nur das Pack sein.Aber ich will mich darüber nicht schon wieder aufregen, ich erzähle lieber weiter, was heute passiert ist. Wir sind also an der Demo vorbeigestiefelt und plötzlich waren links und rechts von uns bekapuzte Leute, die von den Demonstranten in Anlehnung an den von ihnen ansonsten eigentlich nicht so geschätzten Monsieur Sarkozy meist Racaille genannt werden. Florian hat gesehen, wie die versucht haben, einem den Fotoapparat wegzureißen, ich hab nur gesehen, wie sie jemanden rumgeschubst haben. Mein Apparat ist daraufhin jedenfalls unter meinem Mantel verschwunden und wir beide so schnell wie möglich aus der Gegend, wo die sich breit gemacht hatten. Obwohl die diesmal nicht einmal gerannt sind, war es wieder mal beängstigend, wie schnell die aufgetaucht sind. Und deutlich mehr als das letzte Mal waren es auch. Vor allem erstaunlich, dass man die sofort erkennt. Die Art sich zu kleiden und die Art sich zu bewegen... ich denke, dass es daran liegt, jedenfalls braucht man nicht zweimal hinzugucken (Hauptsache, man tut es rechtzeitig).

Das Aussehen der Demonstranten war bunt gemischt.Die Stile der friedlichen Gruppen variierten jedoch beträchtlich. Schon an der Musik abzulesen – von Hardcore Punk bis Ragga war alles dabei. Die Stimmung war aber bei allen ziemlich geil, ob sie jetzt zu Musik getanzt oder skandiert haben. Leider diesmal viel zu viele, um sich ein umfassendes Bild zu verschaffen.

Das erste Mal, dass ich vor einem quasi leeren McDonald's eine Schlange gesehen habe. Ein Herr wurde sogar aggressiv und hat den dreimal breiteren Türgorilla angeschnauzt, was das denn für ne Art wäre, die Leute nicht zu ihren heißersehnten Burgern zu lassen. Und da sag nochmal einer, McDonald's tue keine Suchtstoffe in ihren Kram ;)Florian bekam dann irgendwann Hunger und auch ich konnte was im Bauch vertragen, also sind wir in einer Filiale der Goldenen Schwingen eingekehrt, die zufällig grade vorbeikam. Allerdings war das nicht so leicht, wie viele das vielleicht gewohnt sind. Der einzige offene Eingang war nämlich von Türstehern bewacht, die Schlange vor dem Eingang ziemlich hingehalten haben. Und das, obwohl es drinnen fast leer war. Naja, hatte den Vorteil, dass drinnen nicht so ein Gedränge war, wie ich es erwarte hatte. Und unser Timing war einmalig, kaum saßen wir, fing es draußen an zu plästern. Wir hatten hingegen einen super Blick auf die vorbeiziehende Demo.

Heimelige Atmosphäre bei McDonald's: Florian macht sich grade im angenehmen Ambiente über seine Cola her, während draußen Wolken platzen und Menschen sich drängen.Ab und an wurde man zwar beschimpft von draußen, aber das konnte einem ja egal sein. Eine Gruppe Racaille kam dann auch nochmal draußen vorbei, einer davon war aber nett und hat uns ein „Bon Appetit” an die Scheibe gemalt. Die war übrigens schon vorsorglich mit zwei Anti-CPE-Plakaten bekleistert worden und zwar so, dass man von draußen und von drinnen jeweils eins sehen konnte. Als wir fertig waren mit essen, war es draußen fertig mit regnen, also haben wir den reichlich vorhanden Platz freigemacht für die armen Leute, die noch rein wollten. Draußen waren wir dann wieder bei genau der Gruppe, mit der wir die Demo angefangen haben, also ziemlich zurückgeworfen.

Eine Art roter Magnesiumfackel oder so etwas hat sehr eindrucksvoll rumgeräuchert.Außerdem an der Seine angekommen haben wir uns dann den Gang durchs Nadelöhr Pont d'Austerlitz geschenkt, wo wir den Demo-Zug ja schon in der Métro vom Viaduc d'Austerlitz aus auf so beeindruckende Weise gesehen haben, wo aber leider ein Überholen wie bisher schlecht möglich war und sind über die potthässliche Umgehungsroute Pont Charles-de-Gaulle zurück zur Métro. Dabei mussten wir dann noch durch eine Polizeisperre, denn die Polizisten haben sich zwar nicht blicken lassen, wenn die Vandalen Leute angepöbelt haben, aber die Seitenstraßen hatten sie wieder gut abgeriegelt. Zum Glück kam man ohne Kapuze wohl ohne Probleme durch.

Eine Kiste mit Flugblättern wurde an vielen kleinen Ballons nach oben steigen gelassen und dann geöffnet.Florian hat dann den RER A nach Hause genommen, ich stattdessen die Métrolinie 14, weil das ja die voll-automatische ist und die sich so von einem Generalstreik relativ wenig beeindrucken ließ. Wir waren nicht gerade früh zuhause, aber ich möchte glaub ich gar nicht wissen, wann die zuhause waren, die dieses ganze Stop-and-go bis République mitgemacht haben. Na Hauptsache es lohnt sich und Villepin kann gehen. Obwohl er momentan vielleicht noch Glück haben könnte, wenn sein Durchwinkakt mittels Artikel 49-3 im Parlament als verfassungswidrig erklärt wird. Verrückte Welt, Villepin rettet seinen Kopf, wenn sein Gesetz gegen die Verfassung verstößt und in Sachsen-Anhalt kommen die Linken nicht an die Regierung, weil sie zu viele Stimmen haben. Das erklärt später mal euern Enkeln!


Nachtrag: Wenn ihr wirklich tolle Fotos von den Protesten und auch von den Krawallen in Paris sehen wollt, kann ich euch dieses Flickr-Set empfehlen. Der Photograph ist eh einen oder mehrere Blicke wert!

0 Comments:

Kommentar veröffentlichen

Links to this post:

Link erstellen

<< Home