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Frog Blog

7.4.06, 01:26 Uhr

Ey, da wählste einmal CDU!

Nein, nicht ich, du! Naja gut, dann du halt auch nicht, aber irgend jemand muss den Verein gewählt haben, sonst würden sie jetzt nicht Nordrhein-Westfalen unterjochen. Protestwählen schön und gut, aber muss es gleich der Schwarze Tod sein? Der Tod zumindest für die Freiheit an der Hochschule. Und weil man schlimme Dinge am besten mit dem wohlklingenden Namen des Gegenteils belegt, heißt der neue Euphemismus für „Demokratie, nein danke” folgerichtig: Hochschulfreiheitsgesetz! Der University Freedom and Liberty Act quasi. Wie Ingo vom AStA, der mich auf das Thema überhaupt erst aufmerksam gemacht hat, richtig sagte: Nicht zu verwechseln mit dem Gesetz zur Sicherung der Finanzierungsgerechtigkeit im Hochschulwesen, das sichert nämlich nur eins und das sind Studiengebühren.

Zitat von der offiziellen Seite über dieses Freiheitsdingsbums (Hervorhebung von mir):


Das novellierte Hochschulrecht schafft neue, starke Leitungsstrukturen in den Hochschulen mit klarer Aufgabenverteilung zwischen Hochschulleitung und hochschulinterner Selbstverantwortung sowie mit einer engeren Anbindung an das gesellschaftliche Umfeld. Neu eingeführt wird der Hochschulrat, der zum Großteil von außerhalb der Hochschule besetzt sein wird und der wichtige strategische Entscheidungen mitverantworten soll.


Also nochmal langsam: Es wird eine Hochschulleitung geben und eine davon diskunkte „hochschulinterne Selbstverantwortung”. Die Hochschule wird also nicht von Leuten aus der Hochschule geleitet. Irgendwas haben die vom Schwarzen Tod da falsch verstanden, als sie den Spruch „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden” gehört haben. Der heißt in diesem Fall nämlich nicht, dass man denjenigen die Freiheit geben soll, über die Hochschule zu verfügen, die anders denken als die Leute an der Hochschule selbst. Denn Banker verstehen noch weniger von Bildung und Wissenschaft als Politiker.

Und dabei gab es ja an den politischen Strukturen der Hochschulen schon genug zu kritisieren. Dass die Professoren, obwohl sie zahlenmäßigen geradezu verschwinden, trotzdem in den allermeisten Gremien mehr Stimmen haben als alle anderen Statusgruppen zusammen, das konnte man schon schwerlich Demokratie nennen. Aber während das schon immer so war und zur Verschlechterung der Lage die neuen Studiengänge noch mehr oder weniger schleichend die studentische Beteiligung an der Hochschulpolitik unterminiert haben, tilgt der Schwarze Tod diese jetzt einfach per Sichelstrich aus dem Gesetz. Denn das neue Gremium, das darüber entscheidet, was aus der neuen Eigenverantwortung der Hochschule gemacht werden soll, beinhaltet nicht einen Studenten mehr.

Aber dass Ausbildung und Forschung den primären Zweck haben, der deutschen Wirtschaft zuzuarbeiten, das hatten ja selbst viele Professoren noch nicht ganz begriffen. Und deshalb musste und konnte auch dem Problem erfolgreich abgeholfen werden und die Lösung nennt sich „engere Anbindung an das gesellschaftliche Umfeld”: Die Universität als Fabrik, die möglichst effizient (Tugend der kurzen Studienzeit) maßgeschneiderte Arbeitskräfte produziert, die als positiver Nebeneffekt auch nie gelernt haben, die Politik des Schwarzen Todes und anderer Heimsuchungen zu hinterfragen.

Wenn ich neidisch bin, wenn ich von den 68er-Studenten höre, dann frage ich mich, ob in 30 Jahren jemand neidisch sein wird, wenn er von uns hört. Es ist nicht das gleiche wie damals. Aber wir werden Proteste gehabt haben und wir werden ein studentisches Leben und eine studentische Kultur gehabt haben, nicht bloß eine verlängerte Schulzeit. Aber darum geht es ja längst nicht mehr. Infantile Studenten haben andere Länder schon länger und sie haben sie überlebt. Infantile Bürger aber oder solche, die blind einer menschenfeindlichen Ideologie anhängen, überlebt keine Demokratie.

Ich bin immer wieder schockiert, wie schnell unsere Kultur zerfällt. Nicht dass sie zerfällt, dieses Schicksal hat noch jede Kultur ereilt. Nur die Geschwindigkeit macht mir Angst. Es ist kein schleichender Prozess über Jahrhunderte, sondern jeder kann dabei zugucken. Und keinen kümmert's.

Aber bevor ich noch den Eindruck erwecke, dass ich Popel wie Rüttgers, Schäuble oder Annette Schavan für ursächlich für den Untergang des Abendlandes halte, verschiebe ich meine Untergangsstimmung lieber auf einen anderen Tag und einen anderen Artikel. Ursächlich sind sie nämlich ganz sicher nicht, nur symptomatisch.

6 Comments:

  • Hallo Lesende,

    > Ich bin immer wieder schockiert,
    > wie schnell unsere Kultur zerfällt.
    > Es ist kein schleichender Prozess
    > über Jahrhunderte, sondern jeder
    > kann dabei zugucken. Und keinen
    > kümmert's.

    Hast du denn deine Buddenbrooks
    nicht aufmerksam gelesen? Die
    äußeren Zeichen des Erfolges kom-
    men immer erst hervorgekrochen,
    wenn das Innere schon wegrottet.

    Ja, es stimmt, den Kapitalismus
    in seinem Lauf hält weder Ochs
    noch Esel auf. Doch die panik-
    artige Geschwindigkeit, mit
    der man heutzutage darauf
    hinarbeitet, sich als Partei
    gegen die Hochschulen zu stel-
    len und sich den eigenen Nach-
    wuchs abzugraben (oder glaubt
    jemand, Guido Westerwelle
    wäre der geworden, der er ist,
    wenn ein Staatsmann zur Ver-
    fügung gestanden hätte?),
    sich sogar als SPD gegen die
    Gewerkschaften zu stellen,
    kommt nicht allein aus über-
    großer Siegessicherheit,
    sondern aus dem Wissen, dass
    15% Eigenkapitalrendite an
    der Substanz der Gesellschaft
    fressen und sich nicht mehr
    lange aufrecht erhalten las-
    sen.

    [Mutmachender Gandalfspruch 58]

    Die einfache Konsequenz: Die
    CDU stürzt sich gerade selbst
    ins Messer, und symbolischer
    Protest sollte reichen.
    Die Studierendenschaft sieht
    besser nach Bayern - eine in-
    offizielle Rolle ist auch eine
    Rolle, und so mancher Bär hat
    schon so manchen Winter unbe-
    schadet überstanden.

    > Wenn ich neidisch bin, wenn
    > ich von den 68er-Studenten höre,

    So toll kann das nicht gewesen
    sein - erinnere dich, welche
    Generation die Studierenden-
    schaft jetzt in die Scheiße
    reitet.

    Schönen Gruß, Steve

    By Blogger Steve, at 7/4/06 15:52  

  • Manueller Trackback auf

    Röpke über Selbstverantwortung

    By Anonymous Anonym, at 10/4/06 13:48  

  • > Röpke über Selbstverantwortung

    Heilige ...!
    Dieser Verein scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, jeden politischen Artikel des deutschsprachigen Internets, den sie erwischen, mit einem Link zu sich selbst zu versehen, egal, ob das Thema passt.

    Dafür sind die noch lustiger als Zeugen Jehovas, weil die Zeugen sich meistens noch den gesunden Menschenverstand ans Bein binden.

    Schönen Gruß, Steve

    By Anonymous Steve, at 10/4/06 19:17  

  • P.S.: Kann man dem Ding nicht mal abgewöhnen, mir mein S streitig zu machen? Ich finde schon, dass ich wichtig genug bin, um wie der Mistkäfer groß geschrieben zu werden ;-).

    By Anonymous Steve, at 10/4/06 19:18  

  • Ah, das erklärt dann auch, warum ich absolut nicht erkennen kann, was dieser "Trackback" bei mir soll. Ist also ne... unkonventionelle Werbemaßname? (AKA Spam?) Wie hast du das rausgefunden, ich stehe irgendwie mit Google auf Kriegsfuß, was die Suche nach Links angeht :/

    Was dein S angeht: Vielleicht tröstet es dich, dass es in den Benachrichtigungsmails, die ich bekomme, groß geschrieben wird ;)

    By Blogger mudd1, at 11/4/06 00:06  

  • Ist also ne... unkonventionelle Werbemaßname? (AKA Spam?)

    Im weiteren Sinne ja. Man muss dem/den Menschen allerdings zugute halten, dass die Spammung (a) manuell gemacht wird und (b) nur auf thematisch weit verwandten Feldern, nämlich allen nicht-radikalliberalen politischen Blogeinträgen.

    Wie hast du das rausgefunden [...]?

    Ganz einfach: Hatte zu viel Zeit an der Hand und wollte einen Kommentar zu deren vorgeschlagenen Laissez-Faire-Energiepolitik abgeben. Und dann standen da schon Kommentare, die doch sehr verwundert fragten, was der Trackback solle.

    Gruß, Steve

    By Anonymous Steve, at 11/4/06 14:30  

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